Intimrasur: Was Jugendliche darüber denken und sagen

Schaut man auf die Aufklärungsseiten von BRAVO, des größten deutschen Jugendmagazins, liest man Mails aus der Sextra-Onlineberatung von pro familia, oder arbeitet man sexualpädagogisch mit Jugendlichen, dann wird man schnell feststellen, dass die Intimrasur gerade in der deutschen Jugendkultur längst angekommen und bei der Mehrheit der Jugendlichen, inzwischen auch bei den Jungen, zur Alltäglichkeit geworden ist. Schamhaare sind verpönt, gelten in erster Linie als unhygienisch, weiterhin als lästig, unästhetisch und als Erotikkiller. Der haarlose Körper ist wieder angesagt.intimrasur
Rasur?

Wenn Jugendliche sich zu diesem Thema unterhalten, klingt das so: Nina (18): „In der Werbung und bei den Models sieht man doch kein einziges Härchen, das würde doch blöd aussehen. Außerdem sind viele Bikinis so eng geschnitten, da passen doch keine Haare drunter. Beim Sex fühlt es sich außerdem auch besser an – und man bekommt keine Haare in den Mund.“ Und Leo (16) findet: “Haare sind eklig, die sind doch total unappetitlich, und ohne sieht es auch viel geiler aus.“ Jeanny (17) sieht die Sache so: „Rasieren ist ein Stück Anpassung an das, was alle machen. Wenn man sich sonst schon nicht anpasst.“ Und schließlich erzählen Rahel und Saskia (16). „ Unrasiert bleiben geht gar nicht. Gerade im Intimbereich. Für die allermeisten ist es eine Sauberkeitsfrage. Alles andere ist unhygienisch“.

Vor einigen Jahren so gut wie gar nicht präsent, inzwischen Onlineberatungsalltag: die Fragen zur Intimrasur. Jugendliche wollen vor allem wissen, welche Technik am besten funktioniert. Wie man lästige und unschöne Pickelchen und Pusteln vermeiden kann. Mit welcher Methode die Härchen am längsten fort bleiben. Augenfällig ist in den Erläuterungen der Jugendlichen, dass dabei häufig der Hygieneaspekt im Vordergrund steht. Und manchmal wird auch mal danach gefragt, ob das eigentlich ein Muss ist, das mit dem Rasieren.

Und die Moral von der Geschicht’?
Wie bei anderen, neuen gesellschaftlichen Phänomen und Veränderungen auch ,scheiden sich in punkto Intimrasur die Geister. Vor allem Pädagogen und Mediziner, aber auch Fachleute aus anderen Bereichen machen sich so ihre Gedanken.

Aus pädagogischer Sicht sind es verschiedenste Aspekte, über die sinniert und diskutiert wird. Einige davon mit tatsächlicher Brisanz, andere wiederum eher ein Zeichen pädagogischer Übertreibung.
So wird nach körperlichen Risiken und Verletzungsmöglichkeiten gefragt, die mit dem Rasieren im Intimbereich einhergehen können. Gynäkologinnen beschreiben, dass entgegen häufiger Vermutungen die Entfernung der Schamhaare nicht anfälliger für Pilzinfektionen macht. Allerdings sind rasierte Mädchen und Frauen, vor allem bei grobem Vorgehen, anfälliger für Haarwurzelentzündungen, was aber in aller Regel keine schwerwiegenden Konsequenzen hat, sondern vor allem zu den häufig als lästig beschriebenen Pusteln und Pickelchen führt. Das kennt man auch von rasierten Männerwangen und Frauenbeinen. Im Intimbereich angewandte Enthaarungscremes können zu Reizungen und Allergien führen und die Schleimhäute verletzen. Epilieren ist überhaupt und im Intimbereich im Besonderen äußerst schmerzhaft. Trockenrasur reizt die Haut sehr stark. Darauf sollte also verzichtet werden. Größte Sorge bezüglich der häufigsten Methode, der Nassrasur, ist die Verletzungsgefahr. (13)

Diskutiert wird auch, dass der Eintritt ins Erwachsenenalter, den das einsetzende Wachstum der Schamhaare optisch markiert, durch eine Rasur wieder nivelliert wird und Jugendliche, zunächst rein äußerlich gesehen, wieder einige Schritte rückwärts gehen in ihrer Entwicklung. Man kann sich fragen, ob und was das bedeuten könnte und inwiefern das mit inneren, emotional-seelischen Prozessen zusammen hängt. Denn, so die Berliner Psychologin Dr. Ada Borkenhagen, „der Körper und seine Möglichkeiten der Gestaltung werden immer stärker als Ausdruck der eigenen Identität genutzt“. (14)
Ernsthaft nachzudenken ist über die Tendenz zu weit übertriebener Hygiene.

Der Ausflug in die Vergangenheit und in andere Kulturen zeigte, dass Hauptgründe für die Entfernung der Intimbehaarung einerseits Ästhetik und Erotik waren, andererseits Hygiene. Mit unseren heutzutage bestens ausgestatteten Badezimmern ist Hygiene eigentlich kein Grund mehr, sich intim zu rasieren. Sollte man meinen.

Im Gespräch oder Mailkontakt mit Jugendlichen fällt nun aber, wie oben schon beschrieben auf, dass Ästhetik und Erotik zwar auf jeden Fall ein wichtiger Aspekt der Intimrasur darstellt, ihnen aber der Hygieneaspekt noch sehr viel wichtiger ist. Vor allem aus hygienischen Gründen, also weil Intimhaare unrein oder eklig sind, ist Rasieren notwendig. Hier äußert sich ein Phänomen, das man beinahe „Hygienewahn“ nennen könnte. Jugendliche rasieren sich nicht nur die Schamhaare aus Hygienegründen, sondern wie in bereits vergangenen Zeiten werden wieder Intimsprays und Scheidenspülungen angewendet, bei Mädchen werden Binden und Slipeinlagen parfümiert bevorzugt, und die Scheide oder der Penis werden mit Intimwaschmittel oder stark duftenden Bodygels gewaschen, in den Handtaschen findet man Intimreinigungstücher für unterwegs. Denn alles andere ist aus Sicht der meisten Jugendlichen ein „NoGo“.

Wichtig ist deshalb, Jugendliche darüber aufzuklären, wie viel und was an Körperhygiene notwendig ist, und ab wann es dann auch schon wieder schädlich werden kann, weil z. B. die Haut austrocknet und schuppig wird oder z.B. das natürliche Milieu in der Scheide aus dem Gleichgewicht gerät. Und mit Jugendlichen zu besprechen, dass Intimrasur aus hygienischen Gründen nicht notwendig ist, sondern heutzutage eine rein ästhetisch-erotische Frage bleibt. Und da Ästhetik und Erotik auch mit persönlichem Geschmack zu tun hat, und die Geschmäcker verschieden sind, es letztlich jedem Jugendlichen selbst überlassen bleibt, ob er sich rasiert oder auch nicht. Wichtig ist hier in der Arbeit mit Jugendlichen zu betonen, dass es auch okay ist, das nicht zu tun. Es ist eine Norm unter Jugendlichen, trotzdem kein Muss.

Was die ästhetische Komponente der Intimrasur betrifft, so fällt auf, dass diese (außer bei „Bikini Cut“) eine nicht allgemein sichtbare Körperregion betrifft. Anders zum Beispiel beim Rasieren der Bart-, Achsel- oder Beinhaare. Das passt zu der Beobachtung, dass Ästhetik überhaupt mehr und mehr auch in nicht für jedermann sichtbaren Bereichen des Körpers eine Rolle spielt, wie z.B. Form und Gestalt des Venushügels, der Klitoris und der Schamlippen. Das Diktat des Schönheitsideals nimmt immer größeren Raum ein, was bei Jugendlichen ebenfalls zu enormem Druck führen kann und deshalb mit Jugendlichen besprochen werden muss.

Andererseits, trotz sicher berechtigter Gedanken und Bedenken, bin ich dennoch sehr viel gelassener, vielleicht weil es auch in meiner Generation eigentlich nichts Besonderes mehr war, sich intim zu rasieren. Und auch weil ich mich frage: Ist das mit dem „Achselhaare und Beine rasieren“ eigentlich wirklich so viel anders, besser und verständlicher? Und das macht fast jede erwachsene Frau in der BRD, zumindest in der warmen Jahreszeit. Und weil ich außerdem davon ausgehe, dass Jugendliche bis zur Pubertät gelernt haben mit Messer (und Gabel) umzugehen, und es durchaus vermeiden können, sich schwer zu verletzen. Und weil ich mitbekomme, dass es inzwischen noch sehr viel gravierender Formen der - neudeutsch – Bodymodifications gibt, die tatsächlich sehr schwerwiegende Komplikationen und langfristige Konsequenzen haben können.

Denn immerhin: die Haare wachsen ja wieder!

Kompletter Aufsatz von Gudrun Schäfer als PDF...